Eine „leicht hoffnungsvolle Stimmung“ in Siebenbürgens Dörfern

Gespräch mit dem evangelischen Gastpfarrer Friedemann Oehme aus Dresden

Zusammen mit der Pfarrerin im Repser Ländchen, Christiane Schöll, zelebrierte er vor dem Benefiz-Orgelkonzert für deren Reparatur am 5. August in der evangelischen Kirche von Deutsch-Tekes/Ticușu Vechi den Gottesdienst. Die Bänke sind voll, die Besucher aus nah und fern singen freudig mit, im Anschluss kann man sich entspannt im Kirchhof bei Speis und Trank unterhalten. Der perfekte Anlass, um interessante Kontakte zu knüpfen und Geschichten „einzusammeln“... so wie die von Friedemann Oehme, der seit zwei Monaten mit Ehefrau Gabriele in Hermannstadt/Sibiu wohnt und die hiesige Evangelische Landeskirche als Gastpfarrer unterstützt – und übrigens auch schon für die ADZ das „Wort zum Sonntag“ verfasst hat. Im Sommer sei der Bedarf an Pfarrern besonders hoch, denn da sind viele Sachsen in Siebenbürgen – Besucher der Haferlandwoche oder Sommersachsen – motiviert der inzwischen pensionierte Geistliche aus Dresden sein insgesamt dreimonatiges Volontariat, von dem er bereits zwei Monate hinter sich hat. Am nächsten Tag ergibt sich Zeit für ein kurzes Gespräch in einem echt siebenbürgischen Hausgarten mit der dort urlaubenden ADZ-Chefredakteurin Nina May: Als Hintergrund stelle man sich Hühnergackern, junge Kätzchen, wuchernde Zucchinistauden und den Duft von Thymian vor. Dann müssen Friedemann und Gabriele Oehme auch schon wieder weiter, diesmal nach Deutsch-Weißkirch/Viscri.

Herr Oehme, was haben Sie vor Ihrer Pensionierung in Deutschland gemacht und was führt sie jetzt ausgerechnet nach Siebenbürgen?

Ich stamme aus Sachsen, geboren im Erzgebirge, habe studiert in Leipzig und Berlin, meine letzte Pfarrstelle hatte ich in Dresden. Seit 2003 war ich in der sächsischen Landeskirche für die Ökumene verantwortlich – also für die Beziehung der christlichen Kirchen in Sachsen untereinander, aber auch für die internationalen Partnerschaften unserer Landeskirche. Da spielte auch der Kontakt zu Rumänien eine große Rolle, den gab es schon zu DDR-Zeiten. Als DDR-Bürger war für uns Jugendliche die Reiseroute Prag – Budapest – Bukarest – Sofia zugänglich, da sind wir auch schon in Rumänien gewesen.

Mit Siebenbürgen fühlen wir uns sehr verbunden, auch wenn wir andere Sachsen sind. Ich bin durch meine Aufgabe mehrfach in Siebenbürgen gewesen, enge freundschaftliche Beziehungen sind entstanden. Politisch haben wir in der DDR ähnliche Situationen erfahren wie in Rumänien hinter dem Eisernen Vorhang. Nur dass in der DDR die atheistische Indoktrination noch viel schlimmer war als in Rumänien.

Die Ökumene spielte damals bei uns eine große Rolle für den Zusammenhalt der verschiedenen christlichen Kirchen unter dem Druck des Staates. Man war aufeinander angewiesen, man kam gut miteinander aus, das wollten wir auch nach dem Mauerfall erhalten.

Wie ergab sich die Kooperation mit der Evangelischen Landeskirche A.B. hierzulande und was passierte da?

Sie ist Stück für Stück gewachsen: Etliche Mitglieder aus Rumänien haben an der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden studiert und es gab immer wieder gemeinsame Konzerte mit Chören in Siebenbürgen und in Sachsen. 2017 sind wir anlässlich des Reformationsjubiläums auf dem Kirchentag in Kronstadt gewesen, dafür hatte die Kirche die „Messe von Kronstadt“ in Auftrag gegeben, ein großes kirchenmusikalisches Werk für Chor, Solisten, Schlagzeug und Orgel, mit fünf Komponisten und in fünf Sprachen! Das hat mich so beeindruckt, dass ich mir sehr gewünscht habe, dass diese Messe auch nach Sachsen kommt – und das geschieht nun Ende August in Chemnitz, der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt. Ende Mai war bereits die Chemnitzer Kantorei zur Aufführung der „Messe von Kronstadt“ in Hermannstadt, wir sind also mit einem Chor gekommen und fahren mit einem Chor zurück.

Ein anderer Schwerpunkt ist die Jugendarbeit: Einmal im Jahr wird ein Jugendlager von unserem Landesjugendpfarramt und hier von der evangelischen Jugend organisiert.

Bevor ich letztes Jahr in den Ruhestand getreten bin, war es mir ein Anliegen, dass man die Beziehung zwischen unseren Kirchen festschreibt, und so haben wir 2022 einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Da sind konkrete Handlungsfelder benannt, deren Projekte wir auch finanziell unterstützen. Da ist einiges im Werden, auch im Bereich der Frauenarbeit und der Diakonie.

Sie haben gestern mit Pfarrerin Christiane Schöll den Gottesdienst gestaltet. Wie stehen Sie zur Frauenordination?

Das finden wir sehr gut! Voriges Jahr wurden hier 30 Jahre Frauenordination gefeiert, bei uns ist das schon fast 60 Jahre her und es war damals auch nicht ganz einfach, das einzuführen, aber inzwischen ist das weithin akzeptiert, und die Gemeinden freuen sich über den Dienst ihrer Pfarrerinnen. Bei uns sind etwa 25 Prozent Frauen als Pfarrerinnen im Einsatz. Aber bei den Theologiestudenten haben wir schon an die 50 Prozent Frauen. Das wird zunehmen, und wir sind dankbar für den Dienst der Pfarrerinnen. Wenn ich das hier erlebe, wie freudig Frau Schöll von den Gemeindegliedern begrüßt wird, stimmt mich das sehr hoffnungsvoll.

Wie finden Sie die Orgellandschaft hier in Siebenbürgen?

Phänomenal! Aber da haben wir wieder etwas gemeinsam: Wir haben auch in Sachsen eine reiche Landschaft mit alten Orgeln aus der Barockzeit in den Städten und Dörfern. Berühmt ist der sächsische Orgelbaumeister Gottfried Silbermann.

Wie kam es dann zu Ihrem Aufenthalt hier und wie sieht für Sie und Ihre Frau der Alltag aus?

Ich bin gefragt worden, ob ich für eine gewisse Zeit hier Gottesdienstvertretungen übernehmen könnte, weil es so wenig Pfarrer gibt und im Sommer mehr Sachsen hier sind, so dass auch mehr Gottesdienste stattfinden, manchmal sogar unter der Woche. Da haben meine Frau und ich überlegt – und ja gesagt. Sie ist Erzieherin, Heil- und Sozialspädagogin, sie bringt sich ein in Hermannstadt oder hat in Hammersdorf die Kinderbibeltage mitgestaltet. In Mediasch hat sie auch einen Kindergottesdienst übernommen. Meine Frau hat zehn Jahre das Referat für Kindertagesstätten der evangelischen Landeskirche in Sachsen geleitet, wir haben an die 300 Kindertagesstätten, jetzt ist sie Auditorin und Fortbildnerin. In Hermannstadt hat sie eine eintägige Fortbildung beim Kindergarten des Demokratischen Forums der Deutschen gehalten, wir wollen auch hier die Zusammenarbeit wiederholen und vertiefen.

Ich selbst halte ein bis zwei Gottesdienste am Sonntag und noch einige unter der Woche. Wir fahren von Hermannstadt aus ins Land, wenn es weiter weg geht, auch mit Übernachtung. Ich habe auch am Protestantischen Institut einen Vortrag über meine ökumenischen Erfahrungen gehalten. Es gibt viel zu tun und dazu sind wir ja gekommen. Unsere Kinder haben gescherzt, das ist jetzt euer „Freiwilliges Soziales Jahr“...

Welche Erfahrungen machen Sie in den kleineren Dörfern, wo fast alle Sachsen ausgewandert sind?

Sehr unterschiedlich – ein Beispiel: Ich komme in ein Dorf, Kirchberg, und der Pfarrer sagt, die Kirche ist baulich gefährdet, es gibt keine Orgel mehr, die wurde nach Klausenburg ausgelagert, und keinen Kantor, es werden wohl nur ganz wenige kommen... Und dann waren 19 Leute im Gottesdienst! Das war sehr ergreifend, ein kleines Dorf, abseits der Wege, man fragt sich, wer kommt da eigentlich? Und dann findet sich doch eine Gottesdienstgemeinde zusammen.  Es ist auch eine schöne Tradition auf den Dörfern, dass es nach dem Gottesdienst oft einen Kirchenkaffee gibt. Das ist eine gute Gelegenheit, mit den Menschen zu reden. Man stellt fest, welche hiergeblieben sind, andere sind zurückgekommen, wieder andere sind nur im Sommer da. Man hört ihre Lebensgeschichten, das ist sehr beeindruckend. Und dann gestern in Deutsch-Tekes: so eine volle Kirche, ich war ganz fasziniert!

Wie empfinden Sie die Stimmung in den Gemeinden?

Vor allem in Hermannstadt oder Mediasch, wo es größere Gottesdienstgemeinden gibt, spüre ich eine leicht hoffnungsvolle Stimmung. Die Situation nach der Wende damals in den 90er Jahren war ja katastrophal. Die Menschen waren traumatisiert vom Weggang ihrer Landsleute. Jetzt aber spürt man: die Kirche gibt es immer noch und sie ist lebendig, es gibt engagierte Pfarrer, die Leute treffen sich zum Gottesdienst, er ist immer noch der Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens.

Wir erleben hier sehr viel Schönes: So wie gestern der Gottesdienst und dann so ein nettes Beisammensein, das freut alle, die Hiesigen und die Sommersachsen. Auch wenn es einige gibt, die betrauern, dass es nicht mehr wie früher ist... dann denke ich, aber Ihr seid ja auch weggegangen!
Wir sind sehr beeindruckt, wenn wir erleben, welche zentrale Rolle der Gottesdienst hier in Siebenbürgen noch spielt.

Was hat Sie besonders bewegt in den letzten beiden Monaten?

Die Gespräche nach dem Gottesdienst. Sie sind ein bisschen wie Seelsorge. Man hört zu und die Leute sind dankbar, dass sie ihr Herz ausschütten dürfen, ihre Sorgen, ihre Enttäuschungen. Jetzt ist uns die Orgel weggenommen wurden, klagten die Leute aus Kirchberg, wir sind keine selbstständige Gemeinde mehr, wir können nichts mehr entscheiden, alles wird vom Bezirk entschieden. Ja, für die Gemeinde ist das hart – aber die Orgel wurde gerettet, ich habe sie später in Klausenburg im Gottesdienst gehört und erlebt, wie sie der dortigen Gemeinde Freude bereitet. Viele Jahre fand in Kirchberg gar kein Gottesdienst mehr statt, erst seit drei Jahren wieder. Auch das ein kleines Hoffnungszeichen!

Erleben Sie auch ein Erstarken von Gemeinden, durch Rückkehrer, Zuwanderer oder sonstige Einflüsse von außen?

Ein besonderes Erlebnis hatten wir in Mediasch bei den evangelischen Kinderbibeltagen. Da kommen die Kinder aus der deutschen Schule, fast alles rumänische Kinder, die sind nicht unbedingt evangelisch und müssen es auch nicht sein oder werden, und ich fand es eindrucksvoll, wie gut sie Deutsch sprachen und dass sie sich auch untereinander auf Deutsch unterhielten. Ich hatte eher erwartet, dass sie untereinander in der Muttersprache sprechen. Auch in Hammersdorf haben wir Ähnliches erlebt.

Aber auch die kirchenmusikalischen Aktivitäten haben uns sehr beeindruckt. Der Landeskirchenmusikwart aus der Schweiz, Jürg Leutert, und seine Frau, Brita Falch-Leutert aus Norwegen, Kantorin in Hermannstadt, sind ja ausgesprochen kommunikativ und erreichen ganz viele Menschen. Solche Impulse von „Zugewanderten“ sind auch ein Glücksfall für die Kirche.

Was ist hier ganz anders als zu Hause?

Die Spontaneität! Als ich ankam, dachte ich, es gäbe schon einen Einsatzplan, aber man sagte uns, kommt doch erst mal richtig an... Aber dann hat sich der Plan in der nächsten Woche ganz von selbst ergeben. Es war gerade Pfarrertag in Hermannstadt und viele Pfarrer sagten, kommt auch mal zu uns. So waren wir schnell verplant. Diese Spontaneität ist eine sich wiederholende Erfahrung, das kenne ich auch von früheren dienstlichen Reisen nach Osteuropa. Und umgekehrt wunderten sich unsere Partner oft, was wir alles ein halbes Jahr vorher wissen wollten...

Von der kirchlichen Praxis her gibt es Unterschiede: Hier ist der Gottesdienst die Veranstaltung, wo man sich trifft und hinterher ist man gesellig beisammen. Das wird in Deutschland vielleicht einmal im Monat organisiert, aber hier gehört es richtig dazu. Auch hat uns sehr beeindruckt, dass viele Gemeinden Gästezimmer haben und sehr gastfreundlich sind. Das konnten wir in diesem Sommer selbst erfahren, und dafür sind wir sehr dankbar. Und auch der Landeskirche danken wir sehr herzlich für die freundliche Aufnahme!

Wie blicken Sie in die Zukunft?

In den 60er Jahren hat man uns in der sozialistischen Schule erklärt, in den 80er Jahren wird es keine Kirche mehr geben, nur noch die kommunistische Ideologie. Gott sei Dank kam es ganz anders.

Auch in Rumänien bleibt die Frage nach der Zukunft spannend: Die Gottesdienste werden nicht nur von den Siebenbürger Sachsen, sondern auch von Rumänen besucht. Viele Familien sind ethnisch gemischt. Manche Orthodoxe sind an der evangelischen Predigt interessiert oder erfreuen sich an der Orgelmusik. Deshalb öffnen sich viele Gemeinden für die Zweisprachigkeit. Das ist sicher ein notwendiger Schritt. Die Kirche der Zukunft wird immer mehr ökumenisch und mehrsprachig sein. Ob in Rumänien oder in Deutschland: Wir können nur mit Gottvertrauen in die Zukunft blicken.