Ferien ohne Bildschirme

Leitfaden verspricht gesunde digitale Auszeit

Beim „Unplugged Hackathon“ in Bukarest erarbeiteten Jugendliche den Leitfaden für „Ferien ohne Bildschirme“. Foto: Salvați Copiii

In einer Zeit, in der die Realität für viele Kinder und Jugendliche vor allem von Gadgets geprägt ist, schlägt die rumänische Kinderschutzorganisation „Salvați Copiii“ (Rettet die Kinder) einen notwendigen Weg ein. Mit dem jüngst veröffentlichten Handbuch „Vacan]² f²r² ecrane“ („Ferien ohne Bildschirme“) ruft die Organisation zu einem bewussteren Umgang mit digitalen Medien auf – und zwar genau dann, wenn Kinder am meisten Zeit hätten, „offline“ zu leben: in den Sommerferien.

Das Besondere daran: Der Leitfaden von „Salva]i Copiii“ ist kein trockenes Regelwerk von Erwachsenen für Kinder, sondern er wurde gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt – im Rahmen eines kreativen Pilotprojekts mit dem Titel „Unplugged Hackathon“, das am 24. und 25. Juli in Bukarest organisiert wurde. In diesem intensiven Workshop kamen Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren zusammen, um ihre eigenen Ideen für eine bildschirmfreie Ferienzeit zu entwerfen. Die Ergebnisse wurden in einem illustrierten Heft zusammengestellt, das ab sofort auf der Plattform oradenet.ro/copii-si-tineri/resurse-in formationale/ kostenfrei für alle Interessierte verfügbar ist. Die Initiative verbindet digitale Kompetenz mit emotionaler Bildung und setzt auf echte Partizipation der jungen Generation. Der Leitfaden ist bunt gestaltet und mit Comics versehen. Am besten, Eltern laden ihn runter, drucken ihn farbig aus und verteilen ihn an die Jugendlichen.  

Die Notwendigkeit, einen solchen Leitfaden zu erarbeiten, leitete sich eigentlich aus einer alarmierenden Statistik ab, wie die Vertreter von „Salva]i Copiii“ in ihrer Pressemitteilung informieren. Laut aktuellen Daten verbringen fast die Hälfte der Kinder in Rumänien täglich über sechs Stunden im Internet – in den Ferien steigt dieser Wert mitunter auf bis zu zehn Stunden. Besonders erschreckend ist der Trend, dass der Erstkontakt mit sozialen Netzwerken bereits im Alter von fünf Jahren erfolgt. Damit rückt eine Altersgruppe in den Fokus, die psychologisch noch weit davon entfernt ist, digitale Inhalte kritisch einzuordnen oder soziale Vergleiche zu verarbeiten.

Ein Beispiel liefert die 16-jährige Alina, die offen über ihre Ängste spricht: „Wenn ich etwas poste und keine Reaktionen bekomme, bekomme ich Panik. Was denken die anderen? Reden sie hinter meinem Rücken? Ich fühle mich immer öfter allein.“ Diese Aussagen zeigen, wie tief der Druck der digitalen Welt in das emotionale Erleben junger Menschen eingreift. Die Angst vor Ausgrenzung, das Streben nach digitaler Anerkennung und das ständige Vergleichen mit idealisierten Online-Identitäten hinterlassen Spuren – gerade in einem Lebensalter, in dem Selbstbild und Identität noch im Aufbau sind.

Aus Sicht der Psychologen von „Salva]i Copiii“ ist die frühe und übermäßige Nutzung sozialer Medien gefährlich: Sie verzerrt die Realität, schwächt das Selbstwertgefühl und ersetzt echte zwischenmenschliche Erfahrungen durch Algorithmus gesteuerte Reaktionen. Ohne Begleitung durch empathische, präsente Erwachsene riskieren Kinder, sich emotional zu verlieren. „Kinder brauchen einen verlässlichen Menschen, der da ist, zuhört, geduldig und aufmerksam ist – sonst verlieren sie sich in einer Welt voller digitaler Illusionen“, warnt Gabriela Alexandrescu, Geschäftsführerin von „Salvați Copiii“.

In den rumänischen Schulen und wohl auch darüber hinaus sind die Folgen bereits spürbar: Lehrkräfte berichten von Kindern, die übermüdet zum Unterricht erscheinen, aus dem Nichts in Tränen ausbrechen oder plötzlich aggressiv und zurückgezogen wirken. Doch häufig bleiben diese Symptome unerkannt oder werden mit dem Etikett „pubertär“ abgetan. Dabei sind es oft Hilfeschreie, die von inneren Spannungen und emotionaler Überforderung zeugen. Auch Eltern wissen oft nicht mehr weiter. Die im März dieses Jahres erschienene britische Mini-Serie „Adolescence“ von Jack Thorne und Stephen Graham thematisiert perfekt die Verbindung zwischen dem sozialen Druck, der von den Online-Netzwerken ausgeht, und dem noch unreifen Gehirn von Teenagern. Die Serie zeigt eindringlich, wie soziale Isolation, unkontrollierter Internetkonsum und emotionale Vernachlässigung Jugendliche in gefährliche Denk- und Verhaltensmuster führen können – mit tragischen Konsequenzen (die ADZ berichtete darüber).

Vor diesem Hintergrund war der „Unplugged Hackathon“ in Bukarest mehr als ein kreativer Workshop – er war ein therapeutisches und gesellschaftliches Statement. Kinder und Jugendliche wurden dabei ermutigt, sich auszuprobieren, miteinander in echten Kontakt zu treten, sich künstlerisch auszudrücken. Die Arbeit in kleinen Teams, unterstützt von Fachleuten aus Bildung und Psychologie, förderte neben der Kreativität auch das emotionale Bewusstsein und die soziale Kompetenz der Jugendlichen. Viele entdeckten dabei ihre eigenen Werte wieder – jenseits von „Likes“ und Kommentaren in den sozialen Medien.
Das Ergebnis dieses Prozesses lässt sich nun sehen: ein farbenfrohes, unterhaltsames und zugleich tiefgründiges Handbuch für eine bildschirmfreie Ferienzeit. Darin finden sich kreative Anregungen für gemeinsame Aktivitäten, Spiele, Naturerlebnisse, künstlerische Projekte und Reflexionsimpulse – allesamt von Jugendlichen für Jugendliche entwickelt. Das Heft soll ab Herbst auch an Schulen verteilt und im Unterricht verwendet werden.

Begleitet wird die Veröffentlichung des Leitfadens von einem Appell an die Verantwortlichen in Politik, Bildung und digitale Plattformen. „Salvați Copiii“ fordert unter anderem klare Altersverifikationspflichten für soziale Netzwerke, verständliche Kontrollinstrumente für Eltern, frühe digitale und emotionale Bildung in den Schulen sowie transparente Algorithmen, um die Verbreitung schädlicher Inhalte zu begrenzen. Auch psychologische Unterstützungssysteme für betroffene Kinder sollen ausgebaut werden.

Lehrer werden ermutigt, digitale Themen aktiv in den Unterricht zu integrieren, Stresssignale ernst zu nehmen und Räume für den offenen Austausch über Gefühle, Erfahrungen und digitale Belastungen zu schaffen. Eltern wiederum werden dazu aufgerufen, nicht nur Kontrollinstanzen, sondern auch emotionale Begleiter zu sein. Es geht darum, Vorbild für einen gesunden Umgang mit Technologie zu sein und die Ferienzeit aktiv mit den Kindern zu gestalten – durch Naturerlebnisse, gemeinsame Spiele, Gespräche und echte Begegnungen.

 „Unsere Kinder brauchen Räume, in denen sie wachsen können – sicher, gehört, respektiert. Der ´Unplugged Hackathon´ ist ein solcher Raum. Und der Leitfaden ist ein Werkzeug, das diesen Raum über den Sommer hinaus verlängert“, schließt die „Salvați Copiii“-Geschäftsführerin Gabriela Alexandrescu.