Devote Haltung beim Spielen und Singen von Musik aus frühbarocker Epoche muss nicht zwingend eine auf das Mindeste zurückgefahrene Körpersprache bedeuten, nein, ganz im Gegenteil. Szabó Szolt aus Budapest, der Senior im projektmäßigen Quartett der Tournee durch Siebenbürgen und Temeswar mit einer Auswahl Tänze und Lieder aus der Sammlung von Pädagoge Hans Judenkünig, lebte es Freitagabend, am 25. Juli, in der evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt/Sibiu vor: mit Bogen und Viola da gamba lässt sich wie mit jedem anderen Instrument auch nicht nur eine tadellos saubere Aufführung gestalten, sondern einschließlich eine Gestik zelebrieren, die der Musik des 15. und 16. Jahrhunderts bestens zu Gesicht steht. Und wo einiges an Geduld angezeigt war, ihrer Sprache eine volle Stunde lang zu lauschen, hatte Szabó Zsolt genau richtig entschieden, sich selbst, seinen Ensemble-Mitspielern und den Zuhörern auch und gerade optisch elegante Auflockerung zu verschaffen. Die Kleidung stimmte, und das, wozu sie gebraucht wurde, noch viel mehr.
Mancher Schlusston von Narcisa Brumar, Hauptrollen-Sängerin an der Oper Temeswar, verabschiedete sich zwar ganz leicht unter der erforderlichen Höhe in den Nachhall des Kirchenschiffs, doch hatte Tournee-Leiter und Lautenist Caius Hera zweifelsohne eine Solistin eingeladen, deren Timbre genügend Reife für den anspruchsvollen Stoff eines Repertoires mitbrachte, wie es im erzkatholischen Wien der Jahrzehnte vor und nach der Reformation gepflegt worden sein muss. Zumal Narcisa Brumar auch um möglichst klare Aussprache bemüht war und ihr das Frühneuhochdeutsche sicher nicht einfach über die Lippen gekommen sein dürfte; zahlreich die Liedstrophen, und denkbar übertrieben ein eventueller Publikums-Anspruch von Muttersprachlern, mangels Textblatt trotzdem jedes einzelne Wort verstehen zu wollen. Scheitern kann man auch an protestantischen Eitelkeiten.
Vom ersten Akkord bis zur finalen Fermate des Abends verlässliche Zuarbeit am Spinett leistete Erich Türk, und über die Vorgeschichte zur Hans-Judenkünig-Tournee in sieben Stationen klärte Moderator Caius Hera auf, der vor über 20 Jahren Zuhörer eines Konzerts mit ähnlichem Programm gewesen war, danach eine Laute in die Hand nehmen durfte, diese „sofort in meine Seele geschlossen“ habe. „Die beiden, die ich heute Abend spiele, sind Kopien zweier Lauten des 16. Jahrhunderts und der Renaissance, die original im Inventar des Kunsthistorischen Museums Wien stehen.“ Die Noten aufgestöbert und gründlichst recherchiert hat Caius Hera in der Nationalarchiv-Zweigstelle Kronstadt/Bra{ov, die unter ihren regionalen Schätzen ein glücklicherweise sehr gut erhaltenes Exemplar des 1523 in Wien gedruckten Handbuchs von Hans Judenkünig für Schüler auf Laute und Geige führt. Dass es seinerzeit von niemand sonst als Johannes Honterus nach Kronstadt mitgebracht worden sein könnte, ist „gut möglich“, so Caius Hera, der auf die Herausgabe des Faksimiles im Eurostampa-Verlag Temeswar hinarbeitet. Wie sein Inhalt tönt und zu begreifen ist, haben Narcisa Brumar, Caius Hera, Erich Türk und Szabó Szolt bereits hinlänglich vorgeführt. Teilüberschriften wie die „Pavana alla Veneciana”, eine „Kalata ala spagnola“, die „Saphica“ oder „Ain niderländisch runden dantz“ bestätigen einmal mehr die selbstverständliche Anbindung Transsylvaniens an das Abendland.